Aloha-Flaschenpost

Reisebericht einer Mutter

Seit dem Frühjahr 2006 befinde ich mich - mitsamt einer ganzen Schule - auf Irrfahrt im himmlischen Ozean. Damals bereitete sich gerade der erste Abschlussjahrgang auf seine Prüfungen vor. Wenige Wochen später verließen mit dem Schulleiter andere - gefühlt alle - Pädagogen die Schule.

Seit dem erlebe ich die Schule als Leck geschlagenen Dampfer eines alternativen Abenteuerreiseveranstalters, der ohne Kapitän und Offiziere vor irgend welchen Küsten dümpelt. Ein Hafen ist nicht in Sicht. Es gibt keinen, der die Richtung vorgibt oder kontrolliert. Immer wieder versucht ein Anderer das Ruder zu übernehmen und den Kahn irgendwie auf Kurs zu halten. Hier darf jeder mal mit anpacken.


Die Crew ist schutzlos den Gezeiten ausgeliefert. Die Einen verschwinden lautlos mit der Ebbe, die Anderen hat uns die Flut geschenkt. Meuterer werden - sinnigerweise in den letzten Rettungsbooten - ausgesetzt und den Wellen übergeben. Manchmal holt sie auch die Sturmflut.

Die Passagiere haben es sich dennoch auf dem Oberdeck bequem gemacht und üben sich im Shuffleboard. Schließlich ist die Überfahrt bezahlt und die Sonne scheint so schön. Außerdem hilft man ja wo man kann, macht sich beim Deckschrubben nützlich, pumpt den Wassereinbruch ab und was sonst so anfällt.

Ohne Kapitän arbeitet die Crew derweil in ihren Mannschaftsunterkünften munter weiter. Schließlich sind sie Experten und wissen, was zu tun ist. Viele von ihnen haben Nautik studiert, es gibt einen Mechaniker, die eine hat einen Segelschein und die übrigen haben einen Bonsaikurs in Schiffchenfalten absolviert.

Nun brauchen sie aber unbedingt absolute, ungestörte Ruhe, denn die einzigen Seekarten und Navigationsinstrumente, die sie auf der Brücke finden, sind phantasievolle, bunte selbstgebastelte Kunstwerke. Hinterlassenschaften des legendären und rauhbeinigen Piraten Wolfgang (auch als "alter Mann mit dem Bart" bekannt, nicht mit dem vom Hemingway zu verwechseln). Der hatte den Kahn damals als erster gechartert und den Kurs bestimmt.

Und der Kurs ist es, der der Crew heute die meisten Probleme bereitet: Schatzinsel, gleich hinter Atlantis links abbiegen - das ist den Übriggebliebenen dann irgendwie doch nicht mehr ganz geheuer und macht Angst. Schließlich rackern alle wie die Blöden und trotzdem: kein Land in Sicht. Damit - ob dieses leichten Orientierungsdefizits - auf Deck keine Panik ausbricht, ist es wohl besser, wenig darüber zu reden und so zu tun, als hätte man alles im Griff. Am besten: gar nicht erst ansprechen lassen.

Die Letzte, die versucht hat, den Smutje wegen eines Haares in der Suppe zur Rede zu stellen, die wurde kurzerhand kielgeholt. Seit dem fragt auch keiner mehr nach der fetten Ölspur hinterm Heck auf'm Wasser. Und weil man auch mal Augenmerk auf das Positive legen will, wird aus dem schönen Regenbogenschimmer ein prima Nachmittagsprojekt gemacht.

Weil aber auch den anspruchsvollen Gästen des bunten Reisevölkchens klar ist, dass es so ganz ohne Steuermann nicht geht, lassen sie immer mal wieder Streichhölzer ziehen und wählen den, mit dem kürzeren abwechselnd zum Drill-Instructor oder zum Türsteher. Immer wenn ein Drill-Instructor die Crew zu doll angeschrien hat "... los ihr faulen Säcke, macht mal!" dann springen einige von denen über Bord – und wech sind sie.

Das macht den Passagieren wiederum mächtig Angst. So ganz ohne Crew auf dem sinkenden Schiff? Also muss ein Türsteher gefunden werden. Der steht dann breitbeinig vor den Mannschaftsräumen und passt auf, dass keiner der Crew zu nahe kommt. Ab und zu kriegt er was von hinten ins Ohr geflüstert. "Wir haben Lust auf frisch gepressten O-Saft." oder "Die eine hat mich ganz böse angeguckt, schubs die mal ins Wasser!" Letztendlich weiß man es nicht so genau, was da geflüstert wird, auf See gilt ein Jahrhunderte alter Schweigekodex.

Am Ende vom Lied sind die Gewählten aber dann immer auch die Gearschten. Sie sind schuld, dass der Kahn immer noch nicht auf Kurs ist und werden deshalb kurzerhand über die Planke geschickt.

Um weitere Löcher im Rumpf zu vermeiden, einigen sich Passagiere und Crew zumindest darauf, Einen ins Krähennest abzukommandieren, um nach Eisbergen Ausschau zu halten. Wehe aber, er ruft "Eisberg voraus - Ruder hart steuerbord". Weil der, der am Ruder steht, brüllt gleich zurück: "Du hast mir hier gar nichts zu sagen!" Und auch der Rest der Crew will wenigsten die Option "hart backbord" durchdenken.

Statt das Ruder rum zu reißen, wird diskutiert. Passagiere mischen sich ein, die wissen sowieso immer alles am besten. Und weil es so natürlich zu keiner Lösung kommt, werden andere Möglichkeiten durchgespielt. "Woher wollen wir denn wissen, ob das wirklich ein Eisberg ist? Wer hat denn überhaupt schon mal einen echten Eisberg gesehen? Vielleicht vermeiden wir das Wort Eisberg einfach im Ausguck.", "Vielleicht hat wieder nur einer der Passagiere etwas über Bord geworfen. Wir müssen den Passagieren den freien Zugang zur Reling verbieten, dann kann keiner mehr was ins Wasser schmeißen." oder "Das ist doch nur das große Tischtuch vom Käptn's Dinner-Tisch, das neulich von einer Windboe mitgerissen wurde. Lasst uns den Wind abstellen." (Dinner gibt's seit dem vorsichtshalber auch nicht mehr.)

Die eingesetzte Untersuchungskommission einigt sich später übrigens darauf, dass der Typ im Ausguck wohl betrunken war, beim nächsten war für die Falschmeldung eventuell eine fehlende Kontaktlinse verantwortlich und beim dritten stellt sich heraus, dass er nicht mal das bronzene Seepferdchen hatte (wenn das kein hinreichender Grund ist?).

Schließlich kann der Arbeitsplatz Krähennest aus sicherheitstechnischen Gründen unter Berücksichtigung der geltenden arbeitsschutzrechtlichen Aspekte vorübergehend sowieso nicht besetzt werden. Die dafür abgestellten Crewmitglieder werden auf unbestimmte Zeit freigestellt. Für die Passagiere gibt's Gratis-Sonnencreme.

Während durch die neuen Risse in der Bordwand immer mehr Wasser eindringt, gelingt einer Arbeitsgruppe im Maschinenraum endlich der ganz große Wurf. Mit nur wenigen Umbauten, die eventuell auch einer späteren TÜV-Abnahme standhalten würden, soll aus dem alten Nur-Schiff eine Art Flug-Schiff entstehen. Eine dreimotorige Junkers (und wahrscheinlich der alte Helden-Schmacht-Fetzen "Der Flug des Phönix") dient der Arbeitsgruppe als Inspiration.

Die Pläne werden aber erstmal auf Eis gelegt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wegen des drohenden Wintereinbruchs kann die Crew nicht arbeiten. Ganz ohne Ziel und Aufgaben gibt sie sich dem Müßiggang hin. Aus den Unterkünften schallt "... der Steuermann hatte Matrosen am Mast und den Zahlmeister ha’m die Gonokocken vernascht. Aber sonst, war’n wir bei bester Gesundheit." (Wobei das gar nicht stimmt. Viele Crewmitglieder sind wegen der aussichtslosen Lage immer wieder krank. Erste Anzeichen von Skorbut sind durchgängig festzustellen.)

Auch die Kombüse bleibt wegen des Wetters kalt (haha, verstanden? Kalt, wegen des Wetters!) Der Verpflegungsdienst wird vorübergehend eingestellt. Jeder kocht von nun an sein eigenes Süppchen. Bei vielen Passagieren ist die Laune ungebrochen gut, schließlich steht die Shuffleboardmeisterschaft an.

Erst als sich die Vorräte dem Ende zu neigen ist die dufte Atmo weg. Da mit leerem Magen nicht nur der Hunger, sondern auch die Unzufriedenheit wächst und die Weiterfahrt immer noch im Findungsprozess verharrt, wird der Smutje zu Fischfutter verarbeitet und ein ehemaliger Türsteher gegrillt. Ein Drillsergant macht sich mit einigen Passagieren auf eigene Faust im Maschinenraum zu schaffen. Sie wollen den Problemen selbst auf den Grund gehen. Der eine schraubt was dran, was der andere grade abgedreht hat, der nächste kontrolliert mit einem Streichholz die Treibstoffreserven. Noch ein anderer will ein Zeichen setzen und kettet sich zum Hungerstreik an einen Kompressor.

Jeder macht, was er will.

Da sich das unaufhaltsam eindringende Wasser einfach nicht gleichmäßig verteilen will - obwohl es dafür einen Beschluss gibt - zeigt das Schiff seit einiger Zeit eine eindrucksvolle Schieflage (Schuldigung: Schlagseite). Das war bislang nicht wirklich ein Problem, alle haben das irgendwie fröhlich ignorieren können. Aber jetzt droht die wertvolle Fracht im Laderaum zu verrutschen. Wenn das passiert, dann Gute Nacht.

Wobei ... was soll's? Lasst rutschen Mädels, fertig machen zum Durchkentern und bei kieloben, treffen wir uns eben unten auf dem Oberdeck.

Das ist die Situation, so wie ich sie hier erlebe. Die Crew wollte ein SOS absetzen, aber irgendjemand hat das Funkgerät sabotiert (die Leuchtmunition ist auch weg). Nun schreibe ich diese Flaschenpost. In der Hoffnung, dass irgendjemand uns einen neuen Kapitän samt Lotsen und Seelsorger einfliegen lässt.

Britta Singer