Wie wird man eigentlich Vorstand?

Das kleine Chefabzeichen und der große Vorstandsschein

Anders, als bei allen übrigen leitenden Jobs (Gruppenleitung, Schulleitung), ist für die Vorstandsarbeit eine spezielle Qualifizierung erforderlich.

 

Für alle Einsteiger gilt es zunächst, das kleine Chefabzeichen zu bestehen. Erst, wenn die Vorstandstätigkeit nach Ablauf der Amtszeit in die zweite Runde geht, ist der große Vorstandsschein Voraussetzung. Der Schwerpunkt bei beiden Qualifizierungen liegt auf der Fürsorgepflicht den Mitarbeitern gegenüber. Es geht darum, das Bewusstsein für die Umgangsformen zu schulen, der Vorgesetzten-Knigge, sozusagen.

Für das kleine Chefabzeichen lernt man z.B., wie man angemessen auf die Krankmeldung eines Mitarbeiters reagiert. So sagt man natürlich nicht "Geil!!" oder "Scheiße!!", sondern erkundigt sich nach dem Befinden und wünscht gute Besserung.

 

Auch muss man ein Gespür dafür entwickeln, den Weihnachtsgeldtopf gerecht auf alle Mitarbeiter zu verteilen. Man kann ja nicht der einen, weil sie nur die alte Putze ist, weniger geben, als der anderen, die grade seit ein paar Wochen da ist, aber schöne, blonde, lange Haare hat.

 

Liegt der Schwerpunkt beim kleinen Chefabzeichen also auf der gerechten und fairen Gleichbehandlung aller Mitarbeiter, so ist das beim großen Vorstandsschein schon etwas anspruchsvoller. Hier ist sowieso ein Medizinstudium, alternativ Hellseherdiplom zwingende Voraussetzung.

 

Anhand welcher Kriterien kann man Schwänzeritis von echter Magen-Darm-Grippe unterscheiden? Bei welchem Mitarbeiter sind 10 und mehr Wochen lange Erkrankungen geschäftsschädigend? Hier gilt es ja auch immer, die Geschäftsinteressen des Vereins mit der Fürsorgepflicht in Einklang zu bringen.

 

Um in allen Fällen die Sachlichkeit zu bewahren, muss ein Vorstand als Arbeitgeber auch in der Lage sein, Krankheiten zu diagnostizieren und Prognosen über die zukünftige Gesundheit zu stellen. Nur so ist gewährleistet, dass jeder objektiv und fair behandelt wird. Derartige Gesundheitsgutachten sind immer auch potentieller Bestandteil von Argumentations- und Beweisketten in juristischen Auseinandersetzungen.

 

Denn auch in diesem Fachgebiet muss sich ein Vorstand zuhause fühlen und selbstbewusste Entscheidungen treffen. Z.B. gab es in einem realen Fall ein schwerwiegendes Personalproblem, das während der gesamten ersten Amtszeit mit der favorisierten Herangehensweise nicht gelöst werden konnte. Natürlich war es auch während der zweiten Amtszeit unverändert da und drohte, erneut zu eskalieren. In solchen Situationen ist es ganz wichtig, einen dicken Kopf zu bewahren und die Strategie auf keinen Fall zu ändern. Ziel muss es sein, durch stoisches Beharren die anderen von der Richtigkeit der eigenen Ansichten zu überzeugen. Koste es, was es wolle. (Und das ist viel.)

12.02.2012

 

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